Fixpunkte

Lieber HS,

ich habe mich sehr über deine Postkarte gefreut – auch wenn ich ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet habe. Trotzdem konnte ich keine außergewöhnliche, überschwängliche Gefühlsregung in mir feststellen. Dies mag sicherlich auch daran liegen, dass mir die Zeit eine leichte Gefühlsabkühlung beschert hat.

Zwei Monate warst du weg und ich bin nun schon drei Monate nur mit mir – das erste Mal in meinem Leben, wie ich feststellen dürfte. Ich wohne jetzt in meiner ersten eigenen Wohnung, ganz alleine und habe keine feste, enge Bezugsperson in meinem nahen Umfeld. Am Anfang konnte ich das in mir aufkeimende und dann vorherrschende Gefühl, welches sich in einer Isoliert- und Zurückgezogenheit zeigte, gar nicht zuordnen. Doch mittlerweile hat es einen Platz in meinem Leben gefunden und lässt sich vielleicht annähernd mit den Worten Leere und Einsamkeit beschreiben. Es hat mich geängstigt und fühlte sich gleichzeitig wie eine alte Bekannte an – ein Gefühlsmoment der mich schon mein ganzes Leben begleitet und eben immer durch die Suche sowie Anwesenheit einer nahen und mir jederzeit zur Verfügung stehenden Person abgedeckt und gedeckelt wurde. Eine auch etwas erschreckende Einsicht: Ich habe mein Wohlbefinden nach Außen verlagert, auf jemand anderen als mich selbst übertragen und von diesem Menschen abhängig gemacht. Das erklärt vielleicht auch, warum meine Ansprüche an diese Person immer sehr hoch waren und warum ich mich jetzt so leer fühle und nach dem Sinn meines Lebens suche. Wo ist nun mein zu Hause, wenn der Mensch der dieses für mich war nicht mehr ist? Eine Frage die mich sehr beschäftigt und durchdringt. Auch wenn die Antwort darauf unendliche viele Möglichkeiten und damit Freiheit zur Entfaltung offeriert, demotiviert und deprimiert es mich gleichzeitig, denn so ohne Motiv(ation) dem „neuen“ Leben freudig entgegenzutreten, erschöpft sich auch mit viel Sonne im Gemüt. Da ziehen selbst bei mir die Wolken auf.

shutterstock_MettusNun fragst du dich sicherlich, warum ich dir mein Innenleben so nach Außen kehre? Weil die Identifikation, dass ich mich immer auf jemanden fixiert habe und die aus dieser Erkenntnis resultierende innere Leere gerade in mein Leben Einzug halten und ich diesen Vorgang der Erkenntnis nicht durch eine neue Fixierung, z.B. auf dich, stören will. Ich glaube, dass ich dieses Muster jetzt ausheilen kann und ein/e noch bessere/r Mensch, Freundin und Partnerin werde, wenn ich mir selbst die Beste/Nächste bin. Mein Glück also nicht mehr von anderen abhängig mache, sondern aus mir selbst schöpfe. Und ich merke auch, das mein Herz noch Zeit zum Heilen braucht und ich keine Ansprüche, Wünsche, Sehnsüchte die von Außen an mich herangetragen werden, vertrage geschweige denn erfüllen möchte. Ich mag einfach für mich sein und meine Wunden lecken bzw. in meiner Freiheit belüften und heilen lassen. Daher weiß ich nicht wie richtig, gut oder sinnvoll ein baldiges Wiedersehen und Treffen bei uns beiden wäre – so verworren das zwischen uns manchmal ist. Oder kannst du das klar abgrenzen, definieren, benennen? Bist du frei von Erwartungen, Wünschen, Gedanken an mich? Kannst du sagen, dass wir uns nicht voneinander wegbringen und/oder aufeinander fixieren?

Denn in meinem Leben gibt es ab jetzt nur noch einen Fixpunkt  – und der bin ich selbst!

In Liebe
Deine Belinda

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s